Warum viele Menschen nichts dafür können, dass sie dick sind

Wenn trotz Sport und guter Ernährung die Beine immer dicker werden, kann ein Lipödem vorliegen – eine Fettverteilungsstörung. Eine Betroffene erzählt von ihrem täglichen Kampf mit dem krankhaften Fett.

Jeden Morgen zieht Christine Kaiser ihre Kompressionsstrümpfe an. Der Griff ist mittlerweile Routine – und kostet trotzdem jedes Mal Überwindung. Kaiser leidet seit fünf Jahren am Lipödem, einer unheilbaren Fettverteilungsstörung. In den Beinen der 50-Jährigen sammelt sich vermehrt Fettgewebe.

Sport und Diäten helfen nicht, das Fett loszuwerden

Bei einem Lipödem nimmt das Unterhautfettgewebe der Beine stetig zu. Manchmal sind auch Arme und Gesäß betroffen, während andere Körperstellen ihre ursprünglichen Proportionen behalten. Mit einer ungesunden Ernährung oder mangelnder Bewegung hat das nichts zu tun.

Umso frustrierender ist die Krankheit für Betroffene, die viel Sport treiben, eine Diät nach der anderen ausprobieren und das krankhafte Fettgewebe trotzdem nicht loswerden.

Auch einst Schlanke erkranken

Im Fall von Christine Kaiser erscheint die Krankheit besonders zynisch: Kaiser trieb jahrelang Leistungssport, spielte Volleyball. Früher versuchte sie verzweifelt, an Gewicht zuzunehmen. In ihrer schlankesten Phase wog sie nur 58 Kilo bei einer Körpergröße von 1,78 Metern.

„Das ist nicht gesund auf Dauer“, weiß sie. Trotzdem fiel es ihr damals extrem schwer, ein paar zusätzliche Pfunde auf die Waage zu bekommen. Es kostete Überwindung. „Als Sportler merkt man jedes Kilo mehr.“ Mit Hilfe von Ärzten arbeitete sie sich auf 70 Kilo hoch. privat Christine Kaiser gründete eine gemeinnützige Organisation, um Lipödem-Patienten zu helfen. Sie leidet selbst daran.

Pro Woche ein Kilo mehr

Nach einer Operation an der Wirbelsäule kam dann der plötzliche Wandel: Kaiser nahm in 20 Wochen 20 Kilo zu, hat statt Kleidergröße 40 auf einmal 48 – allerdings nur am Po und an den Beinen. Ihr Physiotherapeut macht sie darauf aufmerksam, dass hinter den körperlichen Veränderungen ein Lipödem stecken könnte.

Vom Ausbruch der Krankheit bis zur richtigen Diagnose vergehen noch 18 Monate. Eine lange Zeit. Trotzdem sagt Kaiser heute: „Ich hatte Glück.“ Im Schnitt dauere es bei Patienten 15 Jahre, bis Ärzte die Diagnose Lipödem stellen. „Dann sind Knie und Hüfte kaputt und viele haben zusätzlich eine ernährungsbedingte Adipositas entwickelt“, sagt Kaiser.

Acht bis zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung betroffen

Obwohl schätzungsweise mehr als drei Millionen Frauen in Deutschland an einem Lipödem leiden, ist nur wenig über die Krankheit bekannt. Die Veranlagung zum Lipödem scheint bei den meisten Betroffenen bereits von Geburt an im Körper vorhanden zu sein und vererbt sich.

Meist bricht die Krankheit dann durch einen Wechsel im Hormonhaushalt aus – etwa nach der Pubertät, den Wechseljahren oder einer Schwangerschaft, erklärt Falk-Christian Heck, Leiter der LipoClinic in Mühlheim. Auch ein dramatisches psychisches Ereignis kann Auslöser sein, etwa der Tod einer geliebten Person oder eine Vergewaltigung. Männer könnten zwar kein Lipödem bekommen, die Veranlagung aber ebenso von ihrer Mutter an ihre Töchter weitergeben, erklärt Heck.

Therapie beim Lipödem: Fettabsaugung kann helfen

In seiner Spezialklinik führt er pro Jahr mehr als 800 Fettabsaugungen bei Lipödem-Patienten durch, die sogenannte Liposuktion. Kosten: bis zu 6000 Euro. Die Krankenkassen zahlen nur in Ausnahmefällen. Heilbar ist ein Lipödem nicht. Eine Liposuktion könne aber zumindest „ein Bild der Heilung herstellen“, verspricht Heck. Die Patienten können das Lipödem zwar weitervererben, würden aber die optischen Merkmale der Krankheit verlieren und hätten auch keine Schmerzen mehr.

Allerdings ist mit einer Fettabsaugung nicht allen Patienten dauerhaft geholfen, meint Franz-Josef Schingale, Ärztlicher Leiter der Lympho-Opt-Klinik in Pommelsbrunn-Hohenstadt. Von 100 seiner Patienten hätten 38 bereits drei Jahre nach der Operation wieder an Gewicht zugenommen, sie seien erneut auf Kompressionsstrümpfe angewiesen. „Heute wissen wir, dass zehn Prozent der Fettzellen jedes Jahr neu entstehen“, sagt Schingale. „Was wegoperiert wurde, kann wieder nachwachsen.“

Konservative Therapie statt OP

Für Christine Kaiser kam eine Operation zunächst nicht infrage. Sie versuchte, das Lipödem mit konservativen Methoden in Schach zu halten – und mit einer optimistischen Lebenseinstellung. Kompressionsstrümpfe und regelmäßige Lymphdrainagen können Verklebungen im Gewebe lösen und die Schmerzen lindern. Yoga, Chi-Gong und Traditionelle Chinesische Medizin halfen ihr darüber hinaus, positiv zu denken und die Krankheit zu akzeptieren.

„Sie brach in einer Lebensphase aus, in der ich dazu geneigt habe, es allen recht machen zu wollen“, sagt sie heute. „Ich habe mich zu sehr an der Kritik anderer Menschen orientiert. Mittlerweile habe ich gelernt, zu mir zu stehen – auch mit dicken Beinen.“

Kommentare wie „dicke Menschen sollten kein Fast Food essen“ frustrieren

Einfach ist das nicht. Viele Lipödem-Patienten sehen sich im Alltag mit Vorurteilen konfrontiert. Im Restaurant kommentieren wildfremde Menschen ihre Essenswahl. „Dicke Menschen sollten kein Fast Food essen“, heißt es dann.

Dabei leben viele Betroffene vermutlich gesünder als die meisten Menschen, die ihnen im Restaurant böse Blicke zuwerfen, nur weil sie sich ausnahmsweise einmal ein Stück Pizza gönnen. Kaiser ernährt sich kohlenhydratarm, treibt immer noch viel Sport. Das kann zusätzliches Körperfett verhindern, lässt aber nicht das Lipödem verschwinden. „Ich habe schon überall am Körper Fett abgenommen“, sagt Kaiser, „aber an den Stellen, an denen das Lipödem dafür verantwortlich ist, geht es eben nur mit einer Fettabsaugung.“

„Jetzt ist die Operation lebensnotwendig“

Heute, fünf Jahre nach Ausbruch der Krankheit, hat sich Kaiser dann doch für eine Liposuktion entschieden. Nicht, weil sie die dicken Beine unbedingt loswerden will. Sondern weil sie die Diagnose Brustkrebs bekam. Der Krebs reagiert auf Östrogene im Fettgewebe. Daher ist eine Antihormontherapie zur Behandlung des Brustkrebses erst nach einer Liposuktion denkbar.

„Ich habe mir immer gesagt, solange ich mit der Krankheit zurechtkomme, ist keine OP nötig. Jetzt ist sie aber lebensnotwendig.“ Kaiser hat deshalb einen Antrag auf Kostenübernahme bei ihrer Krankenkasse gestellt. Er wurde abgelehnt.

Lipödem-Patientin Christine Kaiser baute mit Martina Schrader die gemeinnützige Organisation Lily’s Voice Europe auf. Mit ehrenamtlichen Mitarbeitern bieten sie Patientenberatung und Coaching zum Thema Lipödem an. Sie unterstützen Betroffene etwa bei Problemen mit Krankenkassen und Rentenversicherungen und halten Vorträge und Seminare in Arztpraxen und auf Kongressen.

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