Tinnitus: So lernt man, mit dauerhaften Ohrgeräuschen zu leben

SPIEGEL: Herr Jennerjahn, können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie Ihren Tinnitus zum ersten Mal wahrgenommen haben?

Jennerjahn: Ja, natürlich! Vor etwa 25 Jahren war ich bei einem neuen Bankberater, den ich darum bitten musste, die monatlichen Raten für unsere physiotherapeutische Praxis zu kürzen. Am Ende des Monats wäre sonst nichts mehr für meine Frau und mich übriggeblieben. Der Bankberater sagte nur: „Das interessiert uns nicht“ und wollte stattdessen die Rückzahlung erhöhen. Ich war verzweifelt, habe die Praxisschlüssel auf den Tisch geknallt und bin rausgestürmt. Danach konnte ich plötzlich nicht mehr richtig hören.

Reinhardt Jennerjahn, 75, gehört zum Vorstand der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. und berät am Telefon und in einer Hamburger Selbsthilfegruppe andere Menschen mit Tinnitus. Etwa vier bis fünf Prozent der erwachsenen Menschen in Deutschland leiden an einem chronischen Tinnitus .

SPIEGEL: Ein Hörsturz?

Jennerjahn: Richtig. Nach drei bis vier Minuten traten leise Geräusche auf – zusammen mit einem Pfeifton. Auf beiden Ohren. Die anderen Geräusche sind inzwischen weg, das Pfeifen ist geblieben.

SPIEGEL: Unverändert?

Jennerjahn: Nein, heute ist es viel leiser, eigentlich mehr wie ein Grundrauschen. Aber geblieben ist es die ganze Zeit, 25 Jahre lang. Immer, wenn ich mich aufgeregt habe, wurde es lauter. Die erste Zeit war besonders schlimm. Als das Pfeifen nicht verschwand, ging ich zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Nachdem er mich untersucht hatte, kam seine niederschmetternde Diagnose: „Sie haben Tinnitus. Da kann man nichts machen. Damit müssen Sie leben.“

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