Seit Corona reden alle über Myokarditis – die Warnsignale übersehen aber viele

Müdigkeit, Luftnot, Brustschmerzen: Wer an einer Herzmuskelentzündung leidet, erlebt sehr unterschiedliche Symptome. Die Diagnose ist oft schwierig. FOCUS Online erläutert im Überblick, was Mediziner wissen und inwiefern die Myokarditis Rätsel aufgibt.

Der Herzmuskel pumpt von unserem zentralen Organ das Blut durch den Körper. Ist er entzündet, kann das schwerwiegende Auswirkungen haben – muss es aber nicht. Denn Myokarditis ist nicht gleich Myokarditis. So heißt die Herzmuskelentzündung im Fachjargon.

Vielen war der komplizierte Name lange kein Begriff. Doch seit Corona hat sich das geändert. Die Myokarditis ist einerseits eine mögliche Folge von Covid-19 und andererseits eine sehr seltene Nebenwirkung der mRNA-Impfstoffe. Für letztere haben Untersuchungen gezeigt, dass sie überwiegend mild verläuft und von selbst ausheilt.

„Myokarditis-Risiko durch Covid um mindestens das Vierfache höher als durch Impfung“

Kardiologe Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung erklärt: „Das gesundheitliche Risiko durch eine Covid-Infektion ist – in jeder Altersklasse – sehr viel höher einzuschätzen als das Risiko einer Myokarditis/Perikarditis durch Impfung mit einem mRNA-Impfstoff.“ So sei das Myokarditis-Risiko durch eine Covid-19-Erkrankung mindestens um das Vierfache höher als das einer impfbedingten Herzmuskelentzündung, wie Studien aus den USA, Großbritannien und Israel zeigten.

Nun hat die Pandemie also ein Herzleiden in den Fokus gerückt, das immer noch viele Rätsel aufgibt. Etwa 20.000 erkranken pro Jahr in Deutschland an Myokarditis – vermutlich sind es allerdings mehr Menschen. Häufig geschieht es unbemerkt. Weder die Symptome noch die Warnsignale sind typisch.

Viren können Myokarditis auslösen

Die Ursache einer Entzündung des Herzmuskels sind meist Viren, beispielsweise Sars-CoV-2, Grippe- und Erkältungserreger oder das Epstein-Barr-Virus. Ebenfalls auf der Täterliste stehen Bakterien und Pilze. Myokarditis kann aber auch durch Medikamente wie Immun-Checkpoint-Inhibitoren in der Krebsbehandlung, toxische Substanzen oder durch eine rheumatologische Erkrankung entstehen.

Bezüglich der Covid-Impfung fasst Meinertz die wissenschaftlichen Erkenntnisse folgendermaßen zusammen:

  • Das Risiko einer Myokarditis nach einer mRNA-Impfung ist vorhanden, aber sehr gering.
  • Das Risiko ist bei dem mRNA-Impfstoff Comirnaty von Biontech geringer als bei einer Impfung mit Spikevax von Moderna.
  • Es trifft mehr junge Männer unter 30 Jahren als Frauen (höchstes Risiko zwischen 15 und 29 Jahren).
  • Beschwerden und Symptome einer Myokarditis treten in der Regel innerhalb weniger Tage nach der Impfung (meist der zweiten) auf.
  • Der Verlauf bei einer Myokarditis wird übereinstimmend als in der Regel mild beschrieben ohne Folgeschäden.
  • Das gesundheitliche Risiko durch eine Covid-Infektion wird – in jeder Altersklasse – höher eingeschätzt als das Risiko einer Myokarditis/Perikarditis durch Impfung mit einem mRNA-Impfstoff.

Symptome der Myokarditis und bei welchen 6 Warnsignalen Sie zum Arzt gehen sollten

Oft ist eine Herzmuskelentzündung schwer zu erkennen. Die Deutsche Herzstiftung erläutert: Die Beschwerden seien häufig unspezifisch. Oft erinnerten sie an einen Infekt der Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts, der vielleicht gerade überstanden ist.

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Spätestens wenn die Müdigkeit und Abgeschlagenheit länger als nach einem Infekt üblich anhalten (Warnsignal 1) oder besonders stark sind (Warnsignal 2), sollte jedoch eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden, empfehlen die Herz-Experten. So lässt sich klären, ob gegebenenfalls zusätzlich eine Myokarditis besteht.

Zudem können diese vier Zeichen auf eine Herzmuskelentzündung hinweisen:

  • Luftnot
  • Brustschmerzen
  • Herzklopfen oder
  • Herzrhythmusstörungen (Herzstolpern)

Auch dann sollten Sie sich durchchecken lassen.

Der Myokarditis auf der Spur

Anders als beispielsweise bei einem Herzinfarkt ist die Diagnose der Herzmuskelentzündung viel weniger eindeutig. Vielmehr begeben sich die Herzexperten auf Spurensuche.

Zuverlässig nachweisen lässt sich die Myokarditis mit einer Gewebeentnahme aus dem Herzen, einer sogenannten Biopsie, genauer Endomyokardbiopsie. Auch ein Herzkatheter kann eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße oder andere Herzerkrankungen ausschließen. Dieser wird über die Arterie am Handgelenk oder in der Leiste zum Herzen vorgeschoben und stellt die Herzkranzgefäße dar. Beide Verfahren bergen allerdings Risiken, sodass sie meist nur in speziellen Fällen zum Einsatz kommen.

Üblicherweise arbeiten Mediziner mit folgenden Methoden, wie Volker Schächinger, Klinikdirektor der Medizinischen Klinik 1 des Klinikums Fulda, von der Herzstiftung ausführt:

  • EKG: Im Elektrokardiogramm (EKG) lässt sich feststellen, ob der Herzschlag zwar normal ausgelöst, aber zu schnell ist (Sinustachykardie).
  • Ultraschalluntersuchungen des Herzens (Echokardiographien): Im Ultraschall beurteilen Kardiologen die Pumpleistung des Herzens. Diese könne bei einer Myokarditis eingeschränkt sein. So pumpten die Herzkammern bei Myokarditis oft deutlich weniger Blut in den Körper als bei gesunden Menschen.
  • Blutwerte: Auch hier braucht es mehr als einen Wert für das Puzzle der Diagnose. Einer der sogenannten Biomarker für eine Herzschädigung ist das Troponin-T. Vor allem bei Kindern, bei denen ein Herzinfarkt nahezu ausgeschlossen werden könne, liefere Troponin-T Hinweise für eine Herzmuskelentzündung.
  • Kardio-MRT: Die kardiale Magnetresonanztomographie spürt örtlich im Herzmuskel Schwellungen, Gewebszerstörungen oder Vernarbungen auf.

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  • Therapie: So wird die Myokarditis behandelt

    Selten lässt sich die Entzündung des Herzmuskels gezielt behandeln. Ohnehin ist das nicht bei jeder Myokarditis notwendig. Zunächst gilt immer, dass Betroffene sich schonen sollen. Das heißt, sie sollen körperliche Anstrengungen vermeiden und im Akutfall das Bett hüten. Das Herz braucht Ruhe, damit die Entzündung ausheilen kann. Sport oder Schulsport sind sechs Monate lang tabu, führt Michael Böhm, Direktor der Klinik für Innere Medizin III am Universitätsklinikum des Saarlandes auf der Seite der Deutschen Herzstiftung, aus. Bei einer asymptomatischen Myokarditis seien routinemäßig keine weiteren Therapien erforderlich.

    „Bei schweren Formen setzen Ärztinnen und Ärzte in erster Linie auf Medikamente, um die Pumpfunktion des Herzens zu stabilisieren, Entzündungen einzudämmen und Langzeitschäden zu vermeiden“, schreibt Böhm.

    Eine symptomatische Myokarditis behandeln Kardiologen ähnlich wie eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz). Sie geben Medikamente, um das Herz zu entlasten und die Pumpe zu stabilisieren. Das können beispielsweise Kalziumantagonisten oder Betablocker, ACE-Hemmer, Sartane und harntreibende Arzneimittel (Diuretika) sein.

    Zusätzlich bekämpfen die Behandelnden die auslösende virale Infektion. Als Infusion bekommen Patienten kurzzeitig hochdosierte Immunglobuline. Diese Eiweiße wirken als unspezifische Antikörper und schalten Viren aus.

    • Mehr dazu lesen Sie bei der Deutschen Herzstiftung.

    Wie lange eine Myokarditis dauert, ist schwer zu sagen. Wer anschließend wieder intensiv Sport treiben möchte, sollte sich vorher durchchecken lassen. Denn meist heilen Myokarditiden aus – auch nach der Covid-19-Infektion – und das Herz ist wieder voll leistungsfähig. In einigen Fällen bleiben aber Narben, die die Kraft und Pumpfähigkeit hemmen. 

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    Myokarditis früher enträtseln

    Umso früher die Myokarditis aufgedeckt wird, umso besser lässt sich die passende Behandlung auswählen. Einfacher als die Eingriffe wie Biopsie oder Herzkatheter wären Bluttests. Hier identifizierten spanische Forscher vergangenes Jahr bestimmte Marker. Anhand dieser könnten Kardiologen künftig eine akute Herzmuskelentzündung von einem Herzinfarkt unterscheiden.

    Immunmarker könnten in der Früherkennung zukünftig ebenfalls eine Rolle spielen, bestätigt Carsten Tschöpe, Kardiologie-Professor an der Berliner Charité, der „Welt“: „Aber wahrscheinlich wird es nicht den einen Marker geben, sondern ein ganzes Bündel davon.“

    Myokarditis überwunden – und dann?

    Wer eine Myokarditis überstanden hat, sollte langfristige Risiken minimieren. Zu einem herzgesunden Leben gehört es beispielsweise Übergewicht, Rauchen und eine unausgewogene Ernährung zu vermeiden. Betroffene sollten sich je nachdem, wie schwer die Herzmuskelentzündung verlaufen ist, alle drei bis sechs Monate nachuntersuchen lassen. Dadurch lässt sich eine Herzschwäche möglichst rasch erkennen und gegebenenfalls behandeln.

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