Kreidezähne: Antibiotika könnten MIH begünstigen – Barmer

Der Moment der Wahrheit ist gekommen, wenn sich die Zähne ihren Weg durch den Kiefer in die Mundhöhle bahnen. Haben sie von Anfang an eine gesunde Farbe, ist die Gefahr gebannt. Bei vielen Kindern sind die Zähne jedoch bereits porös und verfärbt, noch bevor sie jemals geputzt wurden: Wenn sie zum ersten Mal sichtbar werden.

Laut dem Zahnreport der Barmer-Versicherung leiden in Deutschland mindestens 450.000 Kinder unter sogenannten Kreidezähnen, bei denen der Zahnschmelz nicht richtig ausgebildet ist. Die Folgen zeigen sich durch weißlich-cremefarbige bis gelblich-braune Flecken an der Zahnoberfläche. Zum Teil reagieren die Zähne empfindlich auf Hitze und Berührungen. Im schlimmsten Fall sind sie so porös, dass ein Teil beim Durchdringen des Kiefers abbricht. Die ersten bleibenden großen Backenzähne sowie die bleibenden Schneidezähne sind besonders häufig betroffen.

Trotz der weiten Verbreitung ist über die Ursachen der Kreidezähne, in Fachkreisen Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) genannt, bis heute wenig bekannt. Eine aktuelle Auswertung der Barmer-Krankenkasse stützt jetzt die Theorie, dass Antibiotika, die Kinder innerhalb der ersten vier Lebensjahre bekommen, einer von mehreren Einflussfaktoren bei der Entstehung der porösen Zähne sein könnten.

Mädchen häufiger betroffen als Jungen

Für den Report analysierte ein Forscherteam die Daten von knapp 300.000 Kindern zwischen sechs und neun Jahren, die bei der Barmer versichert waren. Bei knapp 23.000 der Kinder stießen sie auf Behandlungen, die für schwere Fälle von Kreidezähnen sprachen. Mädchen waren häufiger betroffen als Jungen. Bei ihnen erhielten 9,1 Prozent eine entsprechende Therapie. Bei den Jungen waren es 7,6 Prozent.

»Im Ergebnis gehen wir von einer bundesweiten Prävalenz von etwa acht Prozent behandlungsbedürftiger Fälle aus«, sagt Michael Walter, einer der Autoren des Reports und Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Technischen Universität Dresden. »Dieser Wert liegt zwar unterhalb der Prävalenz von Karies, weist aber die MIH als hochrelevantes Problem für die Zahngesundheit von Kindern aus.«


In einem zweiten Schritt suchte das Team in den Krankenkassendaten nach möglichen Erklärungen für die Entstehung der Kreidezähne. Da die Zähne bereits beschädigt im Mund ankommen, ist es anders als bei Karies nicht möglich, etwa durch häufiges Zähneputzen vorzubeugen. Stattdessen vermuten Fachleute, dass die Ursachen im Zeitraum zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr zu finden sind, wenn der Zahnschmelz entwickelt wird.

Bei den Auswertungen zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Kreidezähnen und Frühgeburten oder Kaiserschnitten, beides wurde bereits als mögliche Ursache der Zahnerkrankung diskutiert. Anders war es, als die Autorinnen und Autoren des Reports die Kinder in zwei Gruppen aufteilten – Kreidezähne oder keine Kreidezähne – und auswerteten, wie häufig sie innerhalb der ersten vier Lebensjahre verschiedene Medikamente verschrieben bekommen hatten.

»Häufig eingesetzte Antibiotika wie Penicilline und Cephalosporine wurden bei Kindern, die später der MIH-Gruppe zugeordnet wurden, in den ersten Lebensjahren deutlich mehr verordnet«, sagt Michael Walter. »Die Unterschiede zu nicht Betroffenen erreichten bei diesen Antibiotika bis etwa zehn Prozent.« Die Ergebnisse bestätigen damit entsprechende Hypothesen aus der Fachliteratur erstmals auf Basis solcher umfangreicher Daten.

Zusammenhang mit dem Alter der Mutter?

Noch ist allerdings unklar, wie der beobachtete Zusammenhang zu erklären ist und ob die Antibiotika tatsächlich selbst die Kreidezähne fördern oder doch andere Faktoren dafür verantwortlich sind. Um das herauszufinden, bedarf es weiterer Studien. Anders als bei den Antibiotika beobachtete das Forscherteam jedoch keinen Zusammenhang zwischen Kreidezähnen und der Verschreibung fiebersenkender Medikamente, Mandel-Operationen oder dem Einsetzen von Paukenröhrchen. Das spricht dafür, dass tatsächlich die Antibiotika selbst das Risiko für die porösen Zähne erhöhen – und nicht etwa die mit den Mitteln behandelten Atemwegsinfektionen.

Dennoch sollte niemand ohne Rücksprache und allein aus Angst auf die Einnahme von Antibiotika verzichten, die ein Arzt verschrieben hat. Wichtig sei ein verantwortungsvoller und indikationsgerecher Einsatz der Mittel, sagt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. »Antibiotika sind ohne jeden Zweifel segensreich. Doch die Prämisse lautet auch hier, so viel wie nötig und so wenig wie möglich.«






Sollte sich die Antibiotika-Hypothese bestätigen, sind die Medikamente sehr wahrscheinlich auch nur ein Faktor von mehreren, die Kreidezähne begünstigen. Neben den Medikamenten zählen unter anderem Pflanzenschutzmittel zu den diskutierten Ursachen. Bei der Barmer-Auswertung beobachteten die Autorinnen und Autoren außerdem, dass Kinder seltener Kreidezähne entwickelten, wenn ihre Mütter bei der Geburt jünger als 30 waren – oder älter als 40. Die Forschenden vermuten allerdings, dass nicht das Alter der Mutter die Erkrankung verursacht, sondern andere, noch unbekannte Faktoren, die ältere und jüngere Mütter gemeinsam haben. Auch diese Beobachtung dient somit hauptsächlich als Ansatz für weitere Forschungsarbeiten.

»Obwohl Kreidezähne neben Karies die häufigste Zahnerkrankung bei Kindern sind, steht die Forschung dazu noch am Anfang«, sagt auch Michael Walter. »Wir haben in unseren Analysen verschiedene Zusammenhänge gefunden. Die zugrundeliegenden Mechanismen und Kausalitäten können mit Abrechnungsdaten allein allerdings nicht aufgeklärt werden. Dazu bedarf es weiterer Forschung.«

Erst wenn die Ursachen geklärt sind, ist es möglich vorzubeugen. Dabei ist Prävention bei Kreidezähnen entscheidend. Die Schädigungen lassen sich nicht heilen, sondern nur aufhalten. Behandelt werden Kreidezähne mit regelmäßigen Zahnreinigungen, Fluoridierungen, Versiegelungen, Füllungen und Kronen. »Es ist auch möglich, dass Zähne verloren gehen«, sagt Walter.

Grundsätzlich gilt: Je dunkler ein Zahn verfärbt ist, desto stärker ist er betroffen.

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