Bei Abflug Gesichtslähmung – Ein rätselhafter Patient

Der Mann ist bereits erfinderisch geworden: Immer wenn er im Flugzeug sitzt und seine rechte Gesichtshälfte nicht mehr richtig bewegen kann, versucht er es mit unterschiedlichen Tricks. Er gähnt, hält sich die Nase zu und schluckt, er reibt mit einer Flasche warmen Wassers über seine Wange. Oder er sprüht sich abschwellende Sprays in die Nasenlöcher. Mit Erfolg: Schon wenige Minuten nach dem Start kann der Mann meist bereits wieder lächeln, die Stirn runzeln und die Lippen spitzen. Auch die zeitgleich aufgetretenen Ohrenschmerzen sind verschwunden.

Vier Jahre lang hält der Mann, ein 57-jähriger US-Amerikaner aus Kalifornien, die ständig auftretenden Gesichtslähmungen aus – wohl auch, weil sie meist nach wenigen Minuten wieder verschwinden. Er reist viel, sitzt im Durchschnitt neunmal pro Woche in einem Passagierflugzeug. Und es passiert stets das Gleiche: Die Maschine startet, er kann rechts keinen Druckausgleich machen und bekommt Ohrenschmerzen. Seine rechte Gesichtshälfte erschlafft und fühlt sich taub an, Schwindel, Hörstörungen oder Tinnitus hat er aber nie. Auch die Mimik der linken Gesichtshälfte bleibt bestehen.

Einige Vorerkrankungen, mehrere Medikamente

Doch irgendwann wurden die Probleme beim Abflug heftiger und häufiger. Einmal traten die Beschwerden auch beim Landeanflug auf. Einmal konnte er bei einer Autofahrt nach der Überwindung von rund 1800 Höhenmetern die rechte Gesichtshälfte nicht mehr steuern. Da entschließt sich der Mann endlich, seinen Hausarzt aufzusuchen.

Der Patient hat einige Vorerkrankungen: Er nimmt Medikamente gegen seine Schilddrüsenunterfunktion, ist mit einem Body-Mass-Index von 38 fettleibig und leidet unter einer Schlafapnoe, die er allerdings mit einer Atemmaske im Schlaf gut im Griff hat. Unter Mittelohrentzündungen leidet er nicht häufiger, sie hätten erklären können, warum er rechts keinen Druckausgleich machen kann.

Neben den Schilddrüsenmedikamenten, Vitamin D und einem Testosteron-Pflaster bekommt er keine Arzneien. Nur die abschwellenden Nasentropfen holt er sich regelmäßig in der Apotheke und nutzt diese schon vorbeugend bei Flügen. Er raucht nicht und trinkt nur gelegentlich etwas Alkohol, in seiner Familiengeschichte gibt es keine neurologischen Erkrankungen.


Als der Arzt ihn untersucht, findet er keine Auffälligkeiten. Besonders die mimische Muskulatur kann der Mann auf beiden Seiten gleich gut bewegen. Aber auch die Hirnnerven sind intakt, zu ihnen gehören neben dem Gesichtsnerv auch Nerven, die etwa die Augenmuskeln steuern, die für Berührungsempfindungen im Gesicht zuständig sind und die das Hören oder Schlucken ermöglichen. Beim Hörtest schneidet der Patient auf beiden Seiten gut ab, auch sein Trommelfell sieht gesund aus.

Was nur ist der Auslöser der wiederkehrenden Gesichtslähmungen?

Scharfe Kurve in einem engen Kanal

Weil sich der Hausarzt keinen Reim auf die Symptome machen kann, überweist er seinen Patienten an die medizinische Fakultät der University of California. Wie ein Team von Internisten, HNO-Ärztinnen und Neurowissenschaftlern im »Journal of Medical Case Reports« berichtet, lassen die Spezialisten Kernspin- und Computertomografie-Bilder vom Kopf des Mannes anfertigen.

Der Gesichtsnerv, auch Nervus facialis genannt, folgt bei fast jedem Menschen einer besonderen Anatomie: Nachdem die Nervenfasern aus dem Hirnstamm ausgetreten sind, verlaufen sie durch eine kleine Öffnung des Schädels in das sogenannte Felsenbein. Dieses beherbergt unter anderem das Mittel- und das Innenohr. Der Nerv ist hier in einen engen Kanal eingebettet, der in einer scharfen Kurve nach unten verläuft. Auf seinem Weg vom Hirnstamm durch die Schädelknochen zweigen sich kleine Nerven ab, doch der größte Teil des Gesichtsnervs verlässt den Schädel am Schläfenbein und versorgt die mimische Muskulatur.




Während das Nervengewebe auf den Kernspinbildern des Mannes gesund aussieht, offenbaren die CT-Bilder ein Problem: Der enge Facialiskanal erscheint auf der rechten Seite aufgeklafft und verfasert. Nur eine winzige Veränderung in dieser Struktur kann bewirken, dass ein sich ändernder äußerer Druck den im Kanal verlaufenden Nerven komprimiert. Die kurzzeitigen Lähmungen, die nach erfolgtem Druckausgleich wieder verschwinden, könnten die Folge sein.

Die Schlussfolgerung der Medizinerinnen und Mediziner: Das Mittelohr, in dem sich immer wieder Druck aufbaut und das in der Nähe des Facialiskanals liegt, muss entlastet werden. Daher schneiden die HNO-Ärzte ein kleines Loch in das Trommelfell, das das Mittelohr vom äußeren Gehörgang trennt, und setzen ein winziges Röhrchen hinein. Dadurch kann sich der Druck in der Paukenhöhle des Mittelohrs dem der Umgebungsluft angleichen.

Sogenannte Paukenröhrchen gehören zu den Routinemaßnahmen von HNO-Ärzten. Normalerweise sind allerdings kleine Kinder die Patienten, denn bei ihnen sind die anatomischen Strukturen oft noch so eng, dass ein Druckausgleich schwierig ist. Dadurch bekommen sie immer wieder Mittelohrentzündungen – Paukenröhrchen entlasten dann für einige Zeit.

Auch dem Vielflieger hilft das Paukenröhrchen: Nach sechs Monaten berichtet der Mann, er fliege wieder mehrmals wöchentlich und habe keinerlei Symptome mehr. Auch abschwellende Nasentropfen benötige er nicht mehr. Das Röhrchen kann in seinem Trommelfell verbleiben, allerdings muss er sich regelmäßig vom HNO-Arzt untersuchen lassen.

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