Corona

Patient auf einer Corona-Intensivstation in Stuttgart, 4. Januar 2021

Das Coronavirus mutet den Menschen einiges zu, jetzt schon gut ein Jahr lang. Die Aussichten aktuell: eher verhalten. »Deutschland steht vor acht bis zehn sehr harten Wochen«, sagte Kanzlerin Angela Merkel Mitte Januar. Da sind wir also mittendrin. Irgendwo um Ostern herum sollte es demnach weniger hart werden. Hofft man jedenfalls, wegen der Mutanten ist die Lage schwer einzuschätzen.

Die täglichen Corona-Themen, in den vergangenen und vermutlich auch den kommenden Tagen: Impfstoffe, Mutationen, Schnelltests, Corona-Leugner, NoCovid und immer wieder der Shutdown mit seinen vielfältigen negativen Folgen für Familien, für Schülerinnen und Schüler, für die Wirtschaft, fürs allgemeine Wohlbefinden, genaugenommen für alles und jeden. Immerhin lockt bald wieder der Besuch beim Friseur beziehungsweise bei der Friseurin.

Was dabei in den Hintergrund gerät: die tatsächliche Krankheit Covid-19 mit ihren unmittelbaren Folgen. Die vielen Menschen, die an Covid-19 erkranken, die vielen Menschen, die langfristig schwere Folgen davongetragen haben oder daran gestorben sind.

Covid-19 kann auch Herz, Hirn, Nieren und den Magen-Darm-Trakt angreifen

Wer eine Auffrischung braucht: Covid-19 ist die Krankheit, die infolge einer Coronavirus-Infektion ausbrechen kann. Nicht jeder, der sich mit dem Virus ansteckt, wird krank. Schätzungsweise 30 Prozent der Infektionen verlaufen ohne Symptome. Die Betroffenen merken gar nicht, dass ihr Körper gerade das Coronavirus bekämpft.

Bei gut der Hälfte der Infizierten ist der Verlauf mild bis moderat. Dahinter steckt eine große Spannbreite: Ein paar Tage mit Husten können es sein, aber auch mehrere Wochen mit Husten, Atembeschwerden, Fieber, Geruchs- und Geschmacksverlust. Der Verlust des Geruchssinns ist ein recht häufiges Symptom bei Corona-Infektionen. Wie genau die Symptome der Betroffenen aussehen, die in Deutschland in die Kategorie mild bis moderat fallen, ist nirgends genau erfasst, wir wissen also nicht, wie viele Menschen mehrere Wochen flachliegen oder bloß zwei Tage etwas hüsteln.

Etwa 15 Prozent der Betroffenen erkranken so schwer, dass sie ins Krankenhaus müssen. Dieser Anteil hängt vom Durchschnittsalter der Erkrankten ab, denn mit dem Alter steigt das Risiko für einen schweren Verlauf.

Unabhängig von der Schwere der akuten Erkrankung können Betroffene noch Wochen und Monate nach der Infektion gesundheitlich angeschlagen sein. Long-Covid nennt man dieses Phänomen. So kämpften etwa drei Viertel der Genesenen in Wuhan nach einem halben Jahr noch mit Müdigkeit, Muskelschwäche, Schlafstörungen, Depressionen oder Angststörungen.

In anderen Studien beschreiben Menschen noch Monate nach einer Corona-Infektion, dass sie an Atemnot oder Konzentrationsschwierigkeiten leiden. Genesen heißt im Fall von Corona leider nicht immer: gesund.

Eine akute Covid-19-Erkrankung, das weiß man nach gut einem Jahr Pandemie, kann nicht nur die Lunge schwer schädigen, sondern auch Gehirn, Nervensystem, Herz, Magen-Darm-Trakt und Nieren beeinträchtigen. Die Krankheit kann die Gerinnung außer Kontrolle bringen, sodass Thrombosen, Lungenembolien oder zahlreiche kleine Gerinnsel entstehen. Nicht nur das Virus ist ein Problem, das eigene Immunsystem kann eines werden. Denn es kann bei einem sogenannten Zytokinsturm dramatisch erhöhte Mengen von Botenstoffen ausschütten, die dann Organe schädigen, statt die Heilung zu fördern.


Ein »schwerer Verlauf« heißt bei Covid in vielen Fällen: Die Atmung beziehungsweise die Lungen der Betroffenen sind so stark beeinträchtigt, dass ihr Körper nicht mehr genug Sauerstoff bekommt. Damit die Menschen nicht ersticken, ist dann oft eine invasive Beatmung der letzte Ausweg, die ein durch Medikamente herbeigeführtes Koma notwendig macht. In besonders schweren Fällen ist es sogar notwendig, dass ein externes Gerät die Arbeit der Lunge, das Atmen, übernimmt. Bei dieser sogenannten Ecmo wird das Blut über eine Kanüle aus dem Körper in ein Gerät geleitet, das dem Blut Kohlendioxid entzieht und es mit Sauerstoff anreichert.

Die Betroffenen müssen meist viele Tage auf der Intensivstation mit künstlicher Beatmung oder Ecmo verbringen. Die Strapazen dieser Behandlung hinterlassen Spuren: Die Menschen bauen Muskeln ab, verlernen das Atmen, entwickeln Schluckbeschwerden, sind langfristig erschöpft. Sie brauchen eine Reha, um so viel ihrer Gesundheit zurückzuerlagen wie möglich.


Aber knapp 30 Prozent der Schwerkranken auf der Intensivstation sterben, trotz des kräftezehrenden Einsatzes von Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten. In der »taz« sagte ein Reha-Arzt: »So makaber das ist, wenn nicht so viele sterben würden, wären wir in den Rehakliniken längst völlig überfordert.« Und: Ja, solche Gedanken müsse man »wirklich erst mal verstoffwechseln«. Allerdings.

Ein Teil der Intensivbetten wird frei, weil Menschen gestorben sind

Wer regelmäßig auf eine weitere Kennzahl der Pandemie schaut, die »freien Intensivbetten«, sollte sich auch klarmachen, dass ein relevanter Teil dieser Betten wieder frei geworden ist, weil ein Mensch gestorben ist. Wer »mehr Intensivbetten« fordert, um die Beschränkungen aufheben zu können, verkennt nicht nur, dass Betten allein nichts nutzen, weil auch Menschen nötig sind, die die Kranken pflegen und verarzten können. Sondern er oder sie nimmt in dieser Rechnung auch schlicht weitere Todesfälle in Kauf.

Die Verstorbenen sind in der Berichterstattung oft nur eine Zahl, täglich gemeldet, sobald das Robert Koch-Institut die aktuelle Statistik zu Corona-Neuinfektionen und Toten veröffentlicht. 580 Todesfälle, 534, 560, 528, 116, 218, 551, 556, 666, 813 und so weiter. Tag für Tag. Man sieht Kurven und Diagramme mit diesen Zahlen. Das sind keine Börsencharts, keine Klimadiagramme. Jede Eins ist ein gestorbener Mensch. Jede Eins bedeutet trauernde Angehörige und Freunde.

Der SPIEGEL hat im Oktober 50 Nachrufe auf Menschen veröffentlicht, die durch Covid-19 gestorben sind. Nur ein kleiner Blick auf einige der vielen Schicksale. Und ja, die meisten Menschen, die »im Zusammenhang mit Corona« sterben, sterben an Covid-19 und nicht mit Covid-19. Auch wenn viele von ihnen alt waren und schon Vorerkrankungen hatten, hatten sie noch Lebensjahre vor sich, die ihnen durch die Krankheit genommen wurden. Zu den Vorerkrankungen zählt übrigens Bluthochdruck, rund 19 Millionen gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland haben diese Diagnose.

Am 2. Dezember sagte Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Uniklinik Köln, dem SPIEGEL: »Mittlerweile sterben hierzulande jeden Tag Hunderte Menschen, am Dienstag waren es 487. Das ist so, als würde bei uns jeden Tag ein Jumbojet abstürzen.«

Zwischen dem 2. Dezember und dem 17. Februar wurden täglich in Deutschland im Schnitt 635 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet. Tagtäglich deutlich mehr als ein Jumbojet. Vielleicht hilft dieses Bild, sich zu verdeutlichen, welche schreckliche Wucht diese Krankheit hat – und das sogar trotz aller Maßnahmen, die dafür gesorgt haben, dass sich in Deutschland weitaus weniger Menschen mit dem Coronavirus angesteckt haben, als sich ohne Shutdown oder Maskenpflicht infiziert hätten.

Und erinnert daran, dass nicht die Maßnahmen das grundlegende Problem sind, sondern das Virus und die Krankheit, die es auslösen kann.

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