Witwe über Pflegenotstand: "Frage mich heute noch, ob eine Nachtschwester seinen Tod hätte verhindern können"

Mein Handy klingelte morgens um acht. Es war die Nummer des Krankenhauses in Braunschweig. Ein Arzt sagte: "Frau Lehmann, es tut uns leid, Ihr Mann ist tot." Ich hatte gerade die Kinder in den Kindergarten gebracht, wollte nun zu ihm, war wieder auf dem Weg aus dem Haus, den Autoschlüssel in der Hand. Die Nachricht kam aus dem Nichts, sie riss mir die Füße unter dem Boden weg. Meine Nachbarn fanden mich weinend an der Türschwelle liegend vor, sie brachten mich zurück ins Haus. Ich begriff nicht, wie es so schnell so weit kommen konnte. Und frage mich heute noch, ob eine Nachtschwester seinen Tod hätte verhindern können.

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Sven litt als Kind an einem Herzfehler. Doch die kardiologischen Befunde waren unauffällig, er war ansonsten immer gesund gewesen. Einige Tage vor seinem Tod bekam er hohes Fieber, starke Gliederschmerzen und Durchfall. Der Hausarzt diagnostizierte eine Grippe und verschrieb Medikamente, die mein Mann gleich wieder ausspie. Sein Zustand verschlechterte sich rapide, nach drei Tagen war er so schwach, dass er sich kaum noch im Bett aufrichten konnte und nur noch undeutlich sprach, die Schmerzen strahlten in die Arme aus. Weil ich mir Sorgen wegen Svens Herz machte, rief ich schließlich selbst den Rettungsdienst, der ihn beim ersten Mal nicht mitnehmen wollte. "Wiedervorstellung beim Hausarzt."

Sven ging es immer schlechter, am späteren Nachmittag rief ich erneut den Rettungsdienst und bestand darauf, dass sie ihn mitnähmen. Sie trugen ihn in einem Transportsitz nach unten, selber gehen konnte er nicht mehr. Ich packte Kleidung und Waschzeug zusammen und fuhr ihm hinterher. Die Normalstation, auf die er gebracht wurde, wirkte zeitweise verwaist, die Pflegekräfte im Spätdienst waren gehetzt, hatten kaum Zeit für Gespräche. Als ich eine Krankenschwester fragte, wie es denn nun weiter gehe und ob ich einen Arzt sprechen könne, verneinte sie und sagte nur, ich solle mich darauf einstellen, dass er eine Woche im Krankenhaus bleiben müsse. Bis halb zehn Uhr blieb ich bei Sven, hielt still seine Hand. Einmal half ich ihm auf den Toilettenstuhl neben dem Bett, alleine schaffte er es nicht.

Gestorben ist mein Mann zwischen ein und fünf Uhr morgens. Laut Leichenschau litt er an einer bakteriellen Herzentzündung. Gefunden haben ihn erst die Pflegekräfte im Frühdienst um kurz vor acht Uhr, er lag vor dem Bett auf dem Boden und war schon viele Stunden tot.

Die Nachtschwester war vermutlich nie in seinem Zimmer gewesen. Dabei hatte der Arzt regelmäßige Überwachung angeordnet. Doch sie war in jener Nacht allein zuständig für eine voll belegte Station mit 24 Patienten. Als ich morgens ins Krankenhaus kam, kam mir eine Krankenschwester auf dem Flur entgegen. Sie heulte und schrie: "Frau Lehmann, ich kann nichts dafür, ich habe ihn nur gefunden." Ich habe ihr geglaubt. Und ich trage der Nachtschwester nichts nach. Sie trägt nicht die Hauptschuld am Tod meines Mannes, ist Opfer eines Gesundheitssystems, das seit Jahren an der Pflege spart.

Auch das Gericht, das den Fall über zwölf Jahre verhandelte, bis ich recht bekam, schenkte der überarbeiteten Nachtschwester wenig Beachtung. Es waren im Vorfeld zu viele andere Fehler von ärztlicher Seite passiert, die schwerer wogen. Seit Jahren wird in der Politik über eine neue gesetzliche Regelung diskutiert, wonach Pflegekräfte künftig nachts immer zu zweit auf Station sein müssen. In Kraft getreten ist sie noch nicht. Aber ich denke mir: Wäre die Nachtschwester damals nicht allein gewesen, dann hätte sie vielleicht genug Zeit gehabt, rechtzeitig nach Sven zu schauen. Dann hätte sie seinen lebensbedrohlichen Zustand früher erkannt. Und er wäre vielleicht noch am Leben.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

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