Valneva: Das Corona-Vakzin, auf das Impf-Skeptiker warten, aber das kein Land nutzen will

Die Corona-Impfungen gelten als wichtigstes Mittel, um das Virus in den Griff zu bekommen und die Pandemie zu beenden. Möglichst schnell, möglichst viele Menschen sollten vor dem Herbst immunisiert werden. Doch die Impfquote in Deutschland ist längst nicht dort, wo Experten sie gern hätten. Das Robert Koch-Institut hat eine Zielimpfquote von 85 bis 90 Prozent anvisiert, tatsächlich sind derzeit aber gerade einmal 62,7 Prozent der Bevölkerung vollständig immunisiert. Eine Herdenimmunität scheint in immer weitere Ferne zu rücken. Zumal die Impfkampagne längst an Schwung verloren hat.

Ein Grund für viele, die sich vor der Impfung scheuen, ist nach wie vor mangelndes Vertrauen in die Vakzine. Die Vektor- und mRNA-Impfstoffe, so die Kritik, seien zu schnell entwickelt worden, zu wenig über die Langzeitwirkungen und mögliche Gefahren bekannt.

Ein klassischer Totimpfstoff könnte dieses Problem lösen. Schließlich gilt diese Methode als gut erforscht und wird beispielsweise bei Grippe-Impfungen seit Jahrzehnten angewandt. Zudem können sie vergleichsweise schnell produziert und bei Kühlschranktemperaturen gelagert werden – mehrere Jahre lang. Einzig: In der EU ist noch kein solcher Corona-Impfstoff zugelassen. Der Biotech-Konzern Valneva will diese Lücke schließen und hofft auf eine Markzulassung bis Ende des Jahres. Doch dann müsste das Vakzin auch noch jemand kaufen. Und danach sieht es derzeit nicht aus.

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Totimpfstoffe sind über Jahrzehnte erprobt

Momentan läuft in Großbritannien die für eine Zulassung relevante Phase-3-Studie. In dieser muss das Vakzin seine Wirksamkeit im Vergleich zu dem Konkurrenzprodukt von Astrazeneca beweisen. Dabei geht es auch darum, zu belegen, dass der Impfstoff das bereits bestehende Impfangebot bereichern würde. Die Ergebnisse werden im frühen vierten Quartal des Jahres erwartet und sollen, so der Plan, in das bereits laufende Rolling-Review-Verfahren bei der britischen Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency einfließen.

Anders als die bisher in der EU zugelassenen Corona-Vakzine setzt der Impfstoffkandidat VLA2001 auf eine althergebrachte Methode. Dabei werden abgetötete Krankheitserreger mit Impfstoffverstärkern versetzt und verimpft. Die Impfung regt in der Folge den Körper dazu an, eine Immunantwort auszulösen und Antikörper zu produzieren. Solche Totimpfstoffe werden unter anderem seit Jahren gegen Diphterie, Kinderlähmung oder Tetanus eingesetzt.

Totimpfstoffe setzen das gesamte inaktivierte Virus ein und nicht nur Erreger-Teile. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass der Körper eine umfänglichere Immunantwort bilden kann, beispielsweise auch gegen die Virushülle. Das könnte in Blick auf Virusvarianten ein Vorteil gegenüber bisher zugelassenen Vektor- und mRNA-Vakzinen sein, deren Hauptaugenmerk auf dem Spike-Protein des Coronavirus liegt. Dieses sorgt dafür, dass Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andocken und eindringen kann. Um dies zu verhindern, werden die Zellen "geschult", dieses Spike-Protein zu erkennen, sodass dieses in der Folge abgewehrt werden kann. Dafür schleusen sowohl Vektor- als auch mRNA-Impfstoffe den Bauplan des Spike-Proteins in die Zellen.

Die Nachfrage ist mau

In einigen Ländern, darunter China, Russland und Indien, werden solche Totimpfstoffe gegen Sars-CoV-2 bereits eingesetzt. In Europa ist man noch nicht so weit. Ein einziger Totimpfstoff, das chinesische Vakzin Coronovac, wird aktuell von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) geprüft. Das Vakzin des Unternehmens Valneva ist das einzige, das aktuell in Europa in klinischen Phasen getestet wird. Bei einer Zulassung wäre dies der erste Corona-Totimpfstoff eines westlichen Herstellers auf dem Markt. 

Trotz des Alleinstellungsmerkmals ist das Interesse an dem Impfstoffkandidaten, gelinde gesagt, mau. Nur ein einziges Land, Großbritannien, hat bisher mit dem Biotech-Konzern einen Vertrag abgeschlossen. Für den Zeitraum 2021 bis 2022 wurden 100 Millionen Dosen bestellt, mit Option auf eine Aufstockung auf 190 Millionen Dosen bis 2025. Verhandlungen mit der Europäischen Union hingegen verliefen bisher erfolglos. Obschon das deutsche Bundesgesundheitsministerium im Juli bekannt gab, dass es 2022 mit elf Millionen Impfstoffdosen VLA2001 rechne.  

Großbritannien springt ab

Anfang der Woche wurde nun bekannt, dass dem Biotech-Unternehmen jetzt tatsächlich auch noch der bis dato einzige Kunde abgesprungen ist. Noch bevor die finalen Studiendaten überhaupt veröffentlicht wurden, hat Großbritannien die Reißleine gezogen. Am Montag überraschten die Briten mit der Mitteilung, den Liefervertrag mit dem französisch-österreichischen Biotech-Konzern gekündigt zu haben. Demnach habe das Unternehmen gegen Liefervereinbarungen verstoßen. Ein Vorwurf, den der Konzern "mit Nachdruck" bestreitet. In einer Stellungnahme gab das Unternehmen an, erhebliche Ressourcen und Anstrengungen in die Zusammenarbeit investiert zu haben.

Während ein Sprecher des Premierministers Boris Johnson zu den genaueren Hintergründen der Kündigung nichts sagen wollte, da die Auseinandersetzung mit dem Unternehmen noch laufe, sorgte am Dienstag Gesundheitsminister Sajid Javid mit ganz anderen Argumenten für Aufsehen. "Es war uns auch klar, dass der fragliche Impfstoff, den das Unternehmen entwickelte, von der MHRA (Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency) hier in Großbritannien nicht zugelassen werden würde", sagte er im Parlament. Zu den Hintergründen äußerte er sich nicht weiter. 

Das Aus für den Hoffnungsträger?

Den aktuellen Entwicklungen zum Trotz gab Valneva in der Stellungnahme am Montag an, dass es weiterhin davon ausgehe, dass eine Erstzulassung Ende 2021 erteilt werden könnte. "Valneva bleibt weiter engagiert bei der Entwicklung von VLA2001 und wird sich verstärkt um andere mögliche Kunden bemühen", so das Unternehmen. Auf eine Zulassung warten, sollte aber dennoch keiner. 

Bereits vor den Querelen mit den Briten hatte sich Thomas Lingelbach, Chef von Valneva, für Impfungen – gleich mit welchem Impfstoff – ausgesprochen: "Bei Corona ist jede Impfung besser als keine Impfung", sagte er im Gespräch mit ORF-Radio, "ich versuche jeden, mit dem ich rede, dazu zu ermutigen, sich impfen zu lassen und nicht auf diesen Impfstoff zu warten".

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