Pflegekraft im Krankenhaus: "Ich arbeite nur die Hälfte der Zeit direkt am Patienten"

Ich arbeite als Krankenschwester in der Endoskopie, das bedeutet Magen- und Darmspiegelungen, Ultraschall der Lunge, Druckmessungen der Speiseröhre und ähnliche Untersuchungen. Dabei arbeite ich nur etwa die Hälfte der Zeit direkt am Patienten. Ich muss dafür sorgen, dass alle Geräte einwandfrei funktionieren, dass der Raum für die Untersuchungen vorbereitet ist und dass hinterher alles gründlich gereinigt wird. Dazu kommen administrative Aufgaben, Dokumentation, Terminvergabe etc.

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Der administrative Teil nimmt bei vielen Pflegekräften im Krankenhaus zu viel Raum ein. Es gibt zwar auch Stationssekretärinnen, die solche Aufgaben übernehmen, damit die Pflegekräfte mehr Zeit am Patienten haben. Diese Stationssekretärinnen gehen aber oft auf das Personalkontingent der Pflege. Das heißt, die sind nicht zusätzlich eingestellt worden, sondern dafür wurde eine Pflegestelle gestrichen. Natürlich ist ein Krankenhaus auch ein Wirtschaftsunternehmen. Aber es ist trotzdem etwas anderes, als wenn man Autos oder Waschmaschinen baut. Hier geht es um Menschen und deren Gesundheit. 

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„Nicht einfach nur zackzack abfertigen“

Die Zeit beim Patienten ist mir persönlich besonders wichtig. Ich bin zuständig für die Sedierung, betreue die Patienten vor dem Einschlafen, währenddessen und unmittelbar nach dem Aufwachen. Da muss ich voll da sein, nicht nur, weil ich für Dinge wie die ausreichende Versorgung mit Sauerstoff sorge. Sondern auch, um für den Menschen da zu sein und Ängste zu nehmen. Die Patienten haben Angst, dass sie nicht wieder wach werden, dass die Untersuchung weh tut und sie haben Angst vor dem Ergebnis der Untersuchung. Vor der Sedierung und wenn die Patienten aufwachen, muss ich mich komplett auf den Patienten einlassen und nicht einfach nur zackzack das Ganze abfertigen. Das ist zumindest meine Einstellung. Ein Patient sagte mal zu mir: "Sie sind aber ne Schwester vom alten Schlag." Das habe ich als Kompliment angesehen.

Wir tragen bei jedem Patienten FFP2-Masken, Kittel und Handschuhe. Bei Patienten mit Covid oder Covidverdacht kommen zusätzlich Schutzbrille, Haube und Visier dazu. Was Vorbereitung und Reinigung angeht, bedeutet ein Covid-Patient zusätzlichen Aufwand. Das Drumherum dauert dann viel länger als die Untersuchung selbst. 

Insgesamt gehören wir aber nicht zu den überlasteten Abteilungen. Im Gegenteil: Wir machen weniger Untersuchungen als vor Corona, weil viele Menschen aktuell eine Scheu haben, ins Krankenhaus zu kommen. Das kann problematisch sein. Wir sehen, dass viele Patienten später kommen als es für sie gut gewesen wäre. Die haben dann schon einen größeren Speiseröhrentumor oder Darmtumor, als wenn sie früher gekommen wären.

Wenn es der Dienstplan zulässt, springe ich auf der Intensivstation ein und versorge dort auch Covid-Patienten. Das geht, weil ich die Intensivausbildung habe, und wenn die Kollegen anfragen, unterstütze ich, wo es geht.

Familie und Schichtdienst – das ist schwierig

Ich habe drei Kinder und war deshalb über zehn Jahre aus dem Beruf draußen. Mein Mann arbeitet auch im Schichtdienst. Als die Kinder klein waren, bin ich nicht arbeiten gegangen, weil die Arbeitszeiten einfach nicht familienfreundlich waren. Die Frühschichten auf der Intensivstation haben um 6 Uhr angefangen, da war es schwer, jemanden für die Kinder zu haben. Mancherorts hat sich da etwas getan. Mittlerweile haben manche Krankenhäuser sogar einen Betriebskindergarten, der auch die Randschichten abdeckt. Sowas steigert natürlich die Attraktivität als Arbeitgeber, da könnten sich andere Häuser etwas abgucken.

Für mich war immer klar, dass ich in die Pflege zurückwill, weil mir die Arbeit mit Patienten Spaß macht. Als ich wieder angefangen habe, war die größte Umstellung die elektronische Dokumentation. Vor meiner Pause habe ich noch komplett ohne Computer gearbeitet und während der Arbeit alles auf Papier abgehakt. Nach Ende der Schicht immer noch alles am Computer eintragen zu müssen, daran musste ich mich erst gewöhnen. Die Dokumentation ist auch immer detaillierter geworden. Früher hat man einfach "Grundpflege" eingetragen, jetzt muss man jeden Handgriff dokumentieren, den man in der Grundpflege gemacht hat, sonst kann man ihn nicht abrechnen.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.

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