Haarpflege: Mythen und Realität



Es gibt viele Märchen darüber, wie man seine Mähne zum Wachsen und Glänzen bringt. Doch in welchen davon steckt tatsächlich ein Körnchen Wahrheit? Wir klären auf

Traumhaftes Ideal: Haarpracht wie im Märchen

Auf unserem Kopf wachsen rund 100 000 Haare. Etwa ebenso viele Ratschläge dürften in Umlauf sein, was ihnen guttut. Was Spliss weg- und Volumen herzaubert, die Farbe intensiviert, die Kopfhaut erfrischt.

Zum Beispiel "Häufiges Schneiden lässt die Haare schneller wachsen." oder "Henna ist gesünder als eine normale Tönung." Wir haben Apothekerinnen und einen Friseurmeister gefragt, welche dieser Behauptungen den Tatsachen entsprechen – und welche eher ins Reich der Fabeln gehören.


Schneewittchenschön ohne Shampoo
"Die Kopfhaut reinigt sich selbst – auch ohne Shampoo."

Richtig? "Jein", sagt Apothekerin Tatjana Buck. Zwar sei "No Poo", wie der Shampoo-Verzicht auch genannt wird, aktuell ein Trend. Um die Selbstreinigung anzuregen, sei die Methode allerdings umstritten. Die Fettproduktion der Kopfhaut erfolgt durch Talgdrüsen, die in erster Linie hormonell gesteuert werden.

Die Drüsen verfügen jedoch über keinerlei Prüfmechanismus, der feststellt, ob genug Talg auf dem Kopf vorhanden ist. Deshalb stoppen sie die Produktion auch nicht einfach, nur weil die Haare plötzlich nicht mehr gewaschen werden.

"Allerdings wird der Säureschutzmantel der Haut geschont, und die Kopfhaut trocknet nicht so stark aus­, wenn wir das Shampoo weglassen", sagt Buck. Friseurmeister Frank Sonntag betont: "Die Dosis macht das Gift."

Sein Tipp: statt komplett zu verzichten, lieber wenig Shampoo mit viel Wasser verdünnen und nicht zu heiß ausspülen. Gegen Rückstände aus silikonhaltigen Pflegemitteln helfe einfaches Waschen aber nicht: "Nach einiger Zeit ist es ratsam, die Haare mit einem Tiefenreinigungsmittel zu behandeln und es so von den Anlagerungen zu befreien."

Hokuspokus um Henna

"Henna färbt die Haare besonders sanft."

Schon seit Jahrtausenden wird Henna für eine rote Mähne genutzt. "Das natürliche Pigment aus den Blättern des Hennastrauchs ist für die Haarstruktur etwas verträglicher als chemische Färbemittel", sagt die Apothekerin Christina Besl. Es sei damit nicht gerade gesund, aber eben auch nicht schädlich.

Achtung: Mitunter steckt in Henna-Haarfärbemitteln nicht nur reine Natur. Um den Färbeprozess zu beschleunigen oder einen intensiveren Ton zu erzeugen, werden den Produkten mitunter Chemikalien zugefügt, die im Verdacht stehen, Allergien auszulösen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt insbesondere vor solchen, die p-Phenylendiamin (PPD) enthalten. Besser vor der Anwendung über die Inhaltsstoffe informieren.

Friseurmeister Sonntag: "Achten Sie darauf, dass das Henna aus ökologisch kontrolliertem Anbau stammt und möglichst nicht mit Pflanzenschutzmitteln oder Metalloxiden belastet ist."

Rapunzels kalte Pracht

"Föhnen schädigt das Haar."

Das ist tatsächlich kein Märchen – zumindest wenn die Temperatur sehr hoch ist. "Heißes ­Föhnen greift die Hornschicht der Haare an", sagt Apothekerin Christina Besl. Das könne zu Bruch oder Spliss führen und ­lasse die Mähne stumpf aussehen. Heiße Luft reizt und trocknet außerdem die ­Kopfhaut aus.

Kein Wunder: Föhnluft kann durchaus Temperaturen von über 100 Grad erreichen, weiß Friseurmeister Sonntag. "Bei direktem Kontakt wäre das eine zu hohe Belastung. Leider hat das Haar keine Nerven und kann auch nicht schreien." Das bedeutet allerdings nicht, dass man nun unbedingt kalt föhnen muss. Geeignet ist eine Temperatur, die man auch auf der Haut gut aushält.

Der Wärmegrade wegen stimmt auch ein zweiter Mythos: Glätten strapaziert das Haar. Um die Schäden klein zu halten, ­sollte man die Strähnen zuvor mit einem Hitzeschutzmittel behandeln. Sanfter sind Glätteisen mit glatter Keramik- oder Teflon- Beschichtung und Temperaturregler.

Sagenhafte Bürste?

„100 Bürstenstriche pro Tag lassen das Haar schneller wachsen.“

Leider falsch, sagt Tatjana Buck, Apothekerin aus Bad Saulgau. „Das Wachstum ist genetisch bestimmt, Bürstenstriche ­beschleunigen deshalb nichts.“ Neben den Genen beeinflussen unter anderem die Ernährung, hormonelle Veränderungen sowie die Durchblutung der Kopfhaut das Wachstumstempo.

Einen positiven Effekt hat das Bürsten dennoch: Es verteilt das natürliche Fett der Kopfhaut über das gesamte Haar und lässt es stärker glänzen. „Ob es hundert Bürstenstriche sein müssen, das hängt wohl von der Haarlänge und -menge ab“, meint Frank Sonntag, Bereichsleiter der Fachlehranstalt Oldenburg für Friseure. „Wichtig ist in jedem Fall, mit hochwertigen Materia­­lien zu arbeiten.“ Der Friseurmeister empfiehlt, Holzbürsten mit Naturborsten zu verwenden.

Magische Schere?

"Häufiges Schneiden macht dicke Haare."

"Das ist Quatsch", sagt die Münchner Apothekerin Christina Besl. "Das Wachstum geht von der Wurzel, nicht von der Spitze aus." In puncto ­Dicke und Volumen sei das Kürzen trotzdem eine gute Idee, sagt Frank Sonntag. Ohne Schnitt sind nämlich ­irgendwann nur noch kaputte Spitzen zu sehen, regelmäßiges ­Schneiden bringt die gesunden Haarenden auf die gleiche Länge und erhöht damit das Volumen.

Ein Trick, der laut dem Experten nicht nur auf dem Kopf funktioniert: "Das ist ähnlich wie bei den Büschen in der Natur, denen man einzelne Triebe einkürzt, um sie optisch dichter wirken zu lassen."

Mythos Einwirkzeit

Soll man Kuren wirklich möglichst lange in den Haaren lassen? Besser nicht. Zu lange Einwirkzeiten könnten die Haarstruktur eher zerstören, sagt Apothekerin Besl. "Zwar gibt es spezielle Over-Night- Produkte, aber normalerweise gilt: lieber öfter als länger."

Das empfiehlt auch Friseur Sonntag: "Am besten wirkt regelmäßige Pflege mit geringen Mengen." Die Haare nehmen ohnehin nur begrenzt pflegende Inhaltsstoffe auf, sagt Apothekerin Buck. "Nach einer gewissen Zeit ist das Haar einfach voll."

Mythos Fellwechsel  

Sie haben das Gefühl, im März und April besonders viele Haare zu verlieren? "Im Frühjahr kommt es oft zu einer Art Fellwechsel. Allerdings sind bei diesem saisonalen Haarausfall die Follikel nicht ­geschädigt, und das Wachstum ist nicht gestört", sagt Apothe­kerin Buck. Betroffene müssen sich also keine Sorgen machen – die Haare sprießen wieder nach.

Der saisonale Verlust ist ein Erbe unserer Vorfahren: Das Fell unserer Urahnen diente im Winter als wärmender Schutz und im Sommer als Sonnenschirm. Daneben können aber auch hormo­nelle Veränderungen für das Phänomen verantwortlich sein. Denn der verstärkte Haarausfall im Frühjahr macht sich nicht bei jedem Menschen bemerkbar.

Mythos Spitzenspülung

"Gegen Spliss hilft leider nur die Schere", sagt Apothekerin Buck. Unter dem ­­Mikroskop wird deutlich: Gesplisste ­Spitzen sind stark ausgefranst. "Eine Spülung glättet das Haar von außen. Sie kann es aber nicht reparieren", sagt Experte Sonntag. Hier brauche es einen Termin beim Friseur. Die kaputten Enden müssen abgeschnitten werden.

Mythos Haargummi

Haargummis sind schlecht fürs Haar? Stimmt, sagt Apothekerin Buck. "Gummis mit Metallringen ­reiben das Haar auf und schädigen es." Friseurmeister Sonntag kennt schonende Alternativen: Diese sind mit Gewebe ummantelt oder spiralförmig. "Sie hinterlassen keine Druckpunkte auf dem Haar", so der Experte. Auf keinen Fall sollten einfache Tütengummis eingesetzt und zu stramm angezogen werden.

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