Meine Söhne sind handysüchtig: Ist das Smartphone aus, sitzen sie da wie amputiert

Für Eltern wird es zunehmend schwerer das Nutzungsverhalten ihrer Kinder in Maßen zu halten. Lisa ist Mutter zweier Söhne und erzählt von dem täglichen Kampf gegen das Smartphone und der Gratwanderung zwischen einer zeitgemäßen Erziehung und dem Schutz ihrer Kinder.

Ich habe mal darüber geschrieben, wie das war, als unsere Große ein Handy bekam. Ich habe erst neulich mal darüber nachgedacht, wie schön das war, als sich die Jungs ein selbstauferlegtes Tabletverbot für Montag bis Freitag aussprachen. Da habe ich nicht schlecht gestaunt. Und leider hat diese Regel auch nicht lang angehalten.

Das ist hier ähnlich wie in der Politik. Erstmal lässt man es auf Freiwilligkeit basieren, bis man merkt: „Hm, klappt ja irgendwie gar nicht. Und dann gibt es feste Regeln und Frust“ Und ja, noch mehr Frust. Frust, Frust, Frust.

Während ich diesen Text hier tippe, streiten sich meine Söhne gerade über den nächsten Transfer für ihr Fußballspiel auf dem iPad. Wir haben nur eins, sie müssen sich also nicht nur das Ding teilen – wenn sie es mal haben dürfen – sondern dann eben auch die strategischen Entscheidungen für ihre digitale Fußballkarriere.

Der ständige Kampf macht mürbe

Ja, es ist kein Ballerspiel, sondern ein Ballspiel, das freut mich. Aber nur ein bisschen. Denn der Suchtfaktor ist trotzdem immens.

Die meisten Spiele, die schon für Kinder gemacht sind, sind genau so konzipiert, dass sie immer wieder spielen müssen, um am Ball zu bleiben. „Nur noch das eine Spiel, Mama“, „Noch eben bis zum Abpfiff“, „Darf ich nochmal ganz kurz ran, ich muss da nochmal ein Ergebnis checken“. Wer größere Kinder hat, wird das kennen und auf Dauer macht es einfach nur noch mürbe.

Und dabei bin ich überhaupt kein Verteufler der neuen Medien! Ich liebe das Internet. Ich hab schon an vielen Orten gewohnt und halte sehr gern Kontakt zu Menschen. Ich kann übers Netz Kontakt zu Freunden aus Berlin, Bogotá oder auf den Bahamas halten.

Ich bin selbst unglaublich viel am Laptop oder Handy, das Netz ermöglicht es mir, überhaupt so viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, weil sich vieles in meinem Job dadurch von zu Hause erledigen lässt.

Der souveräne Umgang macht aber auch stolz

Ich bin für einen guten Umgang von Kindern mit Medien, ich will, dass sie sich damit auskennen, ich bin stolz, wenn sie ein Musikvideo drehen und es danach mit einer App schneiden – das konnte ich mit neun Jahren noch nicht! Ich bin glücklich, wenn sie etwas über Vulkane wissen wollen – und sich dann bei Youtube eine Doku dazu anschauen.

Aber alles hat seine Grenzen. Manchmal könnte ich verzweifeln. Wenn sie morgens nach dem Aufwachen direkt dran wollen. Wenn sie grad daddeln und quasi nicht ansprechbar sind.

Für Eltern eine Wahnsinns-Herausforderung

Es ist ja auch fast unmöglich, sich dem Ding zu entziehen. Gut, sie haben ihre Handys erst seit fünf Wochen, weil sie demnächst mit dem Linienbus zur Schule und zurück fahren werden. Da ist also noch die Faszination des Neuen. Aber ich habe das Gefühl, die große Begeisterung, dieses magnetische Hingezogenfühlen wird sich auch nach Monaten nicht ändern, denn das Ding ist ja multifunktional!

„Wir wollen draußen ein Wettrennen machen, dürfen wir das Handy mitnehmen, um die Zeit zu stoppen?“

„Wir wollen den Einkaufszettel nachrechnen, dürfen wir das Handy eben für die Taschenrechner-App haben?“

„Wir wollen gar nicht zocken, wir wollen nur eben ein Hörspiel über Spotify hören“

Ja, wie soll man da argumentieren? Es ist eine Wahnsinns-Herausforderung! Ein täglicher Drahtseilakt, eine Kraftanstrengung. Weil wir selbst nicht mit den Dingern aufgewachsen sind, weil wir nur ahnen können, was es mit ihnen macht, wenn sie ständig an den Dingern rumhängen.

Weil wir doch alle irgendwie noch Bullerbü im Kopf haben und wollen, dass sie draußen sind, dass mit aufgeschürften Knien nach Hause kommen, dass sie in Pfützen hüpfen, dass sie im Wald Räuber und Gendarm spielen, dass sie Eichhörnchen beim Nussknacken zusehen, dass sie sich mit Blättern bewerfen, dass sie mit den Nachbarskindern auf dem Bolzplatz kicken.

Eltern müssen über zeitgemäßes Verhalten nachdenken

Und wenn das Handy dann weg ist, sitzen sie da wie amputiert. Kein lachender Flummi hüpft da durch den Raum, der Frösche fressen muss und damit Punkte sammeln kann, die zu einem direkten Erfolgserlebnis führen.

Es gibt keine Siegeshymnen oder Punkte oder Geldausschüttungen, wenn die Spülmaschine adäquat eingeräumt wurde. Und dementsprechend langweilig gestaltet sich eben auch all der analoge Alltag, der neben der Daddelei eben auch noch ansteht.

„Was sollen wir denn jetzt machen?“ Meist endet das dann auch noch im Geschwisterstreit, weil der Frust zu groß ist, weil die angestaute Energie raus muss, die auf dem Sofa sitzend eben nicht gefordert wird.

Verpassen sie ihre Kindheit? Oder ist unser Bild von Kindheit einfach überholt? Ist es gerade diese Kombination aus Schule, Hobby und Zocken, die eben heute normal ist – und nicht zu gravierenden Spätfolgen, sondern zu einem abwechslungsreichen Leben führt? Wie kann man für den richtigen Umgang mit den Dingern sorgen, wenn die Kinder ihn selbst nicht finden? Darüber müssen Eltern, müssen wir alle heute täglich nachdenken.

Es ist eine eigene Welt, die sich unsere Kinder da erschließen, das ist gar nicht so leicht auszuhalten, weil wir das selbst so nie erlebt haben.

In Momenten, in denen ich darüber explodieren könnte, denke ich daran, dass auch Bücher und Hörspiele mal als Alltagsflucht verteufelt wurden. Dass auch Eltern früher über den TV-Konsum ihrer Kinder verzweifelt sind. Und irgendwie ist die Welt dadurch ja trotzdem nicht stehen geblieben. Versuchen wir also, optimistisch zu bleiben.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Stadtlandmama.de

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