Kleine Panik!

Vor einigen Wochen habe ich in dieser Serie Frauen geraten, sich beim Blick auf das eigene Geschlechtsteil ein paar Scheiben Selbstbewusstsein bei den Männern abzuschneiden. Das hatte unerwartete Folgen: Zahlreiche Männer schreiben mir, dass es gar nicht so weit her sei mit dem Stolz auf den Penis. Eher das Gegenteil sei der Fall! Der kleine Freund stehe unter großem Erwartungsdruck, und der Mann frage sich eigentlich permanent: Ist er groß, gerade und leistungsstark genug?

Diese Unsicherheit verwundert auf den ersten Blick, verschafft ein Penis dem Besitzer doch erstaunliche Vorteile: Man bekommt circa 21 Prozent mehr Gehalt, obwohl man das gute Stück für die Ausübung des Berufs eher selten braucht (von früheren Betriebsausflügen der Hamburg-Mannheimer einmal abgesehen). Umgekehrt verhindert ein Penis auf wundersame Weise, dass man sich in zu viel Hausarbeit verliert, denn laut einer neuen Studie der EU putzen und kochen nur 34 Prozent der Männer regelmäßig. Dieses kleine Organ aus Schwellkörpern und Bindegewebe (bevor neue Post kommt: Das Wort „klein“ bezieht sich lediglich auf das Verhältnis zum restlichen Körper) schützt also relativ zuverlässig vor Altersarmut und unliebsamen Aufgaben.

Von der Anaconda bis zum Zitteraal

Auch im Sprachgebrauch ist der Penis positiv repräsentiert: 100 Synonyme listet Jesko Wilke in seinem Buch „Guten Morgen, Latte“ auf: Von der Anaconda bis zum Zitteraal, von der Fleischrakete bis zur Prinzenrolle – die Auswahl ist groß, und kaum ein Wort hat – anders als bei den Frauen – eine wirklich negative Konnotation. „Wussten Sie, dass in einigen Teilen Österreichs Jungen einen ‚Pracht‘ haben, während die Mädchen sich mit einer ‚Scham‘ begnügen müssen?“ schreibt ein Leser. Damit ist eigentlich alles gesagt, oder?


Wann also beginnen der Druck, das Vergleichen und das Gefühl, nicht zu genügen? In der Kindheit, mit den kleinen – und damit meine ich natürlich jungen – Penissen, scheint die Beziehung noch ungetrübt. Männliche Kleinkinder spielen sehr gern mit ihnen, sie kneten daran herum und ziehen sie in die Länge, dass einem beim Zugucken ganz anders wird. Eine Kinderärztin erklärte mir dazu pragmatisch: „Das ist völlig normal, ich habe meinen Jungs nur gesagt, dass sie zumindest beim Essen bitte damit aufhören sollen.“

Wo es am meisten wehtut

Der Bruch scheint später, in der Pubertät, stattzufinden, da beginnt der Heranwachsende, an seinem Geschlechtsteil zu zweifeln. Jungen vergleichen sich in der Umkleide oder unter der Dusche, angeblich machen sie Gruppenmasturbationsspiele und auf jeden Fall hantieren sie unnötig oft mit dem Lineal. Das Ergebnis: Fast jeder zweite Mann ist mit der Größe seines Penis unzufrieden, heißt es in der aktuellen 3sat-Dokumentation „Wunderwerk Penis“.

Darum hier eine frohe Botschaft, die man vermutlich nicht oft genug verkünden kann: Kaum eine Frau wird präzise sagen können, ob der erigierte Penis ihres Bettgefährten 11 oder 17 Zentimeter lang ist. Frauen haben zwar die erstaunlichsten Dinge in ihren Handtaschen, aber Zollstöcke gehören eher selten dazu. Viel mehr interessieren sie sich für die Art, wie die vorhandenen Zentimeter eingesetzt werden. Außerdem – ja, es klingt total verrückt – finden sie das, was an dem Penis dranhängt, mindestens genauso spannend: den Mann an sich.

Frauen, die etwas Bösartiges über einen Penis sagen, tun es vermutlich vor allem deswegen, weil sie die verletzende Wirkung kennen. Als die Prostituierte Stormy Daniels schrieb, der Penis von Donald Trump würde aussehen wie „der Pilz-Charakter aus Mario Kart“, lief Twitter heiß – nur ein sonst daueraktiver Account blieb still. Kein Retweet, kein Fake-News-Geplapper, kein „I’ll make it great again!“ schallte aus dem Weißen Haus. Nach all den schwerwiegenden Vorwürfen, die Trump zwei Jahre lang stoisch ignoriert oder dementiert hatte, fühlte er sich offenbar zum ersten Mal getroffen.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Aber nicht nur der ewige Größenvergleich macht dem Mann in Hinblick auf den Penis zu schaffen, sondern auch der Leistungsdruck. In der Intimität zeigt sich, ob der Mann „Cojones“ hat, ob er seinen Mann steht – jede Art von Vortäuschen ist schwierig. Der Literaturprofessor Dietrich Schwanitz, der mit seinem Universitätsroman „Der Campus“ berühmt wurde, schrieb in seinem Buch „Männer“: „Im Sex also wird das zerbrechliche Ego des Mannes zur Anschauung gebracht. (…) Alle Hochstapelei wäre vergebens. Er ist nackt. Und sein Körper wird zum Messinstrument, an dem der Zeiger den Stand der Virilität anzeigt.“


Das klingt anstrengend, da möchte man zugegebenermaßen nicht tauschen. Der Journalist Hajo Schumacher hat sich in seinem Buch „Männerspagat“ intensiv mit alten und neuen Konzepten von Männlichkeit auseinandergesetzt und bringt das Problem für sich so auf den Punkt: „Der Penis muss hart werden, und es muss am Ende was rauskommen. Das sind zwei überprüfbare Funktionen, deren Nicht-Funktionieren größte Panik erzeugt.“


Es wird also höchste Zeit, Druck aus der Sache zu nehmen. Hier der entscheidende Hinweis: Die Größe und Beschaffenheit des Penis haben viel weniger damit zu tun, ob eine Frau zum Orgasmus kommt oder nicht, als viele glauben. Schauen wir uns dafür die in der Fachzeitschrift „Archives of Sexual Behaviour“ veröffentlichte Studie zur sogenannten Orgasmuslücke an, für die rund 53.000 Menschen befragt worden sind. Nur 65 Prozent der heterosexuellen Frauen kommen beim Sex zum Orgasmus – das ist nicht schön, aber darum soll es gerade nicht gehen.

Viel interessanter ist im Hinblick auf den Penis, dass es bei den lesbischen Beziehungen 86 Prozent der Frauen sind, die beim Sex mit der Partnerin einen Höhepunkt erleben. Mit anderen Worten: Ein Penis ist für den weiblichen Orgasmus nicht zwingend erforderlich. Und nein, diese Studie soll bitte den Mann nicht demoralisieren, sondern lediglich das gute Stück entlasten und deutlich machen: Hängt die Latte nicht zu hoch. Und definiert euch nicht über ein einziges Organ. Ihr seid mehr als das.

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