Ungesunde Ernährung tötet mehr Menschen als Tabak – was ist da dran?


Zu wenig Vollkorn, zu wenig Obst, zu viel Salz: Forscher haben versucht zu bemessen, welche Konsequenzen ungesunde Ernährungsweisen haben. Laut der im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlichten Studie sollen sie für jeden fünften Todesfall weltweit verantwortlich sein, also im Jahr 2017 für rund elf Millionen Tote. Damit verursache schlechte Ernährung mehr Todesfälle als das Rauchen, schreibt das Institute for Health Metrics and Evaluation (IMHE) in einer Pressemitteilung zur Studie.

Damit man diese Aussage nicht falsch versteht: Am Gemüse zu sparen, ist nicht das neue Rauchen.

Das Team um Ashkan Afshin von IMHE hat unter anderem Daten der sehr umfangreichen „Global Burden of Disease Study“ aus 195 Ländern ausgewertet. Zudem zogen sie aus diversen Quellen Informationen über die Ernährungsgewohnheiten in den verschiedenen Ländern.

Gesundes Gemüse, schädliches Salz

Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf 15 Nahrungskomponenten. Zehn stufen sie als gesund ein und kommen zum Schluss, dass diese in den meisten Ländern im Schnitt in zu geringer Menge konsumiert werden. Das sind:

  • Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte,
  • Vollkorn, Ballaststoffe, Nüsse und Samen,
  • Kalzium, Milch,
  • Omega-3-Fettsäuren, mehrfach ungesättigte Fettsäuren.

Die fünf als ungesund eingestuften werden dagegen insgesamt in zu großer Menge verzeht. Die sind:

  • rotes Fleisch, Wurst,
  • zuckerhaltige Getränke,
  • Transfettsäuren,
  • Salz.

Für jede Komponente berechneten sie einen optimalen Bereich: Beim Obst seien das beispielsweise 200 bis 300 Gramm täglich, bei Milch zwischen 350 und 520 Gramm, bei der Wurst höchstens 4 Gramm täglich. Und die Wissenschaftler berechneten, wie stark sich durch ein Abweichen von diesem Optimum das Risiko für Herzkreislaufkrankheiten, Krebs, Diabetes und einen vorzeitigen Tod erhöht. Dies ermittelten sie auf Basis anderer, bereits veröffentlichter Studien, die sich mit dem jeweiligen Nahrungsbestandteil beschäftigten. Dass einige Nahrungsbestandteile verknüpft sind, etwa dass Milch auch eine Kalziumquelle ist, bedachten sie, um das Risiko durch einen Mangel hier nicht doppelt einzurechnen.

Für das Jahr 2017 sind demnach 11 Millionen Todesfälle sowie 255 in Krankheit verbrachte Lebensjahre auf die Ernährung zurückzuführen. Die tatsächlichen Todesursachen waren vor allem Herzkreislaufkrankheiten (circa 10 Millionen), Krebs (circa 900.000). Der Effekt, den Übergewicht auf Gesundheit und Lebenserwartung hat, ist dabei noch gar nicht einkalkuliert.

Die größten Risiken

Den größten Anteil haben laut der Forschergruppe

  • zu hoher Salzkonsum (drei Millionen Todesfälle),
  • zu niedriger Verzehr von Vollkorn (ebenfalls drei Millionen Todesfälle),
  • zu niedriger Obstkonsum (zwei Millionen Todesfälle)
  • sowie ein zu geringer Verzehr von Nüssen und Samen (knapp zwei Millionen Todesfälle).
  • Zum Vergleich: Tabakkonsum verursachte in dem Jahr laut der Forschergruppe acht Millionen Todesfälle.

Die größten Differenzen zwischen den optimalen und den tatsächlich verzehrten Mengen gab es laut den Forschern bei Vollkorn, Nüssen und Samen sowie bei der Milch. Initiativen, die einen höheren Konsum dieser gesunden Lebensmittel fördern, könnten deshalb aus ihrer Sicht mehr zur Gesundheit beitragen als solche, die zum Verzicht auf ungesunde Lebensmittel aufrufen.


Wer hat’s bezahlt? Die Arbeit wurde von der Bill & Melinda Gates Stiftung finanziert.


Der Knackpunkt

Allerdings räumt die Forschergruppe selbst ein, dass ihre Untersuchung einen Schwachpunkt hat: Viele der möglichen Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krankheit leiten sich aus sogenannten Beobachtungsstudien ab, in denen Menschen lediglich befragt werden und Forscher dann über Jahre erfassen, wie viele erkranken oder sterben. Diese Untersuchungen können Verknüpfungen aufzeigen, aber sie belegen nicht, dass etwas ursächlich zusammenhängt. Größere Interventionsstudien, in denen Menschen zufällig in zwei Gruppen eingeteilt werden und sich verordnet unterschiedlich ernähren, sind vergleichsweise rar. Oft wird nur in kürzeren Studien untersucht, ob sich durch eine Ernährungsumstellung ein Risikofaktor für eine Krankheit verändert.

Vergangenes Jahr kritisierte der renommierte Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis von der Stanford University die Ernährungsforschung und forderte eine Reform des Forschungszweigs.

Eines seiner Beispiele, das sich auch in der aktuellen Studie findet: Nüsse. Die Menschen würden zu wenige Nüsse essen, heißt es da – nur zwölf Prozent der optimalen Menge, also rund 3 Gramm statt der empfohlenen 21 Gramm täglich. Die Folge: fast zwei Millionen Todesfälle in nur einem Jahr.

Jede Nuss ein Vierteljahr Lebenszeit?

Ioannidis schreibt, wenn man annehme, dass die in den großen Beobachtungsstudien beobachten Zusammenhänge ursächlich sind, würde daraus folgen, dass ein Mensch – je nach Rechenmodell 1,7 oder sogar bis zu vier Jahre – länger lebt, wenn er täglich zwölf Haselnüsse isst. Er hält diesen Effekt für unglaubwürdig hoch. Zumal in den Beobachtungsstudien nahezu jedes Lebensmittel statistisch mit der Lebenserwartung verknüpft sei. Er hält es für falsch, dort überall einen tatsächlich ursächlichen Zusammenhang zu vermuten. Auch warnt er davor, dass die Vorstellung, man müsse nur mehr gesunde Lebensmittel essen, nicht hilfreich beim Vermeiden von Übergewicht ist.

Ernährung ist sicher ein wichtiger Faktor in Sachen Gesundheit, aber ob die tägliche Handvoll Nüsse einen so gravierenden Effekt hat, darf man bei der aktuellen Datenlage noch bezweifeln. Und beispielsweise über die Frage, ab welcher Menge Salzkonsum das Risiko für Herzkreislaufleiden steigt, wird unter Forschern erbittert gestritten.

Zusammengefasst: Eine große Studienanalyse kommt zum Schluss, dass jährlich elf Millionen Menschen an den Folgen ungesunder Ernährung sterben, vor allem weil zu wenig Obst, zu wenig Vollkorn und zu viel Salz verzehrt werden. Der Hinweis, dass ungesunde Ernährung mehr Menschen tötet als das Rauchen, sollte allerdings nicht missverstanden werden: Rauchen oder Nichtrauchen hat für den Einzelnen eine größere Bedeutung für die Gesundheit, als die Entscheidung, täglich eine Handvoll Nüsse zu essen oder nicht.

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